Der nächste Papst - Leseprobe 4

22. August 2020 in Buchtipp


Leseprobe 4 des Papst-Biografs George Weigel, der in seinem neuen Buch das Idealbild eines Papstes entwirft


Linz (kath.net)

Die Wurzel des Wortes „Toleranz“ ist das lateinische Verb tolerare, was so viel heißt wie „ertragen [mit]“ oder „leiden [mit]“. Diese Wortherkunft gibt Aufschluss darüber, was echte Toleranz bedeutet. Sie deutet an, dass richtig verstandene Toleranz keine Gleichgültigkeit gegenüber der Unterschiedlichkeit ist, die die Glaubensüberzeugungen des „anderen“ oft heruntersetzt und damit Konflikte wahrscheinlicher oder intensiver werden lässt. Echte Toleranz bedeutet vielmehr, dass man sich mit den „anderen“ in gegenseitiger Achtung und gemeinsamer Suche nach der – auch religiösen – Wahrheit der Dinge verbindet. Das ist zugegebenermaßen eine schwierige Lektion, aber die Welt wird nicht umhinkommen, sie zu erlernen. Die katholische Kirche kann diesen Lernprozess dadurch unterstützen, dass sie die wahre Bedeutung von Toleranz lehrt und in ihren ökumenischen und interreligiösen Beziehungen zum Ausdruck bringt.

Der nächste Papst muss das Wesen der wahren Toleranz begreifen. In seinem Austausch mit den in religiöser Hinsicht „anderen“ muss er ihnen mit Respekt gegenübertreten, der auf eine beiderseitige Klärung der Wahrheit ausgerichtet ist, und gleichzeitig unverbrüchlich an den Wahrheiten festhalten, die zu bewahren ihm aufgetragen ist. Das ist – so schwierig es auch sein mag – das ökumenische und interreligiöse Zeugnis, das der nächste Papst wird ablegen müssen. Denn wenn der von ihm geführte ökumenische und interreligiöse Dialog nicht über einen soliden wechselseitigen Austausch von Höflichkeiten hinausgeht und sich zu einer tragfähigen und respektvollen Erforschung der Wahrheit entwickelt, werden seine ökumenischen und interreligiösen Bemühungen wenig dazu beitragen, die Sache der echten Toleranz voranzubringen.

Interreligiöse Gespräche in Zeiten einer gesteigerten und politisierten Religiosität sind komplex, unberechenbar und zuweilen gefährlich. Der nächste Papst wird den interreligiösen Dialog am besten voranbringen, soweit dies möglich ist, wenn er davon absieht, den ohnehin schon schwierigen Austausch mit falschen Bildern und Metaphern zu belasten.

Deshalb sollte der nächste Papst in Betracht ziehen, innerhalb des Heiligen Stuhls und seiner Arbeit den falschen bildlichen Ausdruck von den „drei abrahamitischen Religionen“ zu den Akten zu legen: Dieses Bild suggeriert die Existenz einer Triade, innerhalb derer jeder der drei Teile in derselben Weise über den anderen denkt. Das ist einfach nicht wahr.

Die Beziehung des Katholizismus zum Judentum ist von einer anderen Qualität als seine Beziehung zum Islam. Dieser qualitative Unterschied beruht auf der göttlichen Offenbarung und nicht auf menschlichen Meinungen oder historischen Zufällen. Der Islam seinerseits ist in substitutionstheologischer Hinsicht sowohl dem Christen- als auch dem Judentum gegenüber sehr viel radikaler, als es die strenggläubige christliche Theologie jemals dem Judentum gegenüber war. Deshalb verschleiert der bildliche Ausdruck von den „drei abrahamitischen Religionen“ sehr viel mehr, als es erhellt.

Natürlich weisen das Judentum, das Christentum und der Islam, wenn man sie aus der Sicht eines Buddhisten, eines Hindu, eines Konfuzianers oder eines Shintō-Gläubigen betrachtet, gewisse Familienähnlichkeiten auf, die den Anschein erwecken, diese Religionen wären irgendwie miteinander verwandt. Doch der Bischof von Rom (der kein Buddhist, Hindu, Konfuzianer oder Shintō-Gläubiger ist) sollte die falsche Vorstellung, wonach Judentum, Christentum und Islam drei Zweige eines einzigen monotheistischen Baumes sind, nicht durch seine Worte oder Handlungen bestärken. Diese Vorstellung hat mit dem historischen Selbstverständnis keiner dieser drei monotheistischen Religionen auch nur irgendetwas zu tun, und dies liegt darin begründet, dass jede der drei Religionen unter göttlicher Offenbarung etwas anderes versteht. Deshalb wird ein auf die Wahrheit ausgerichteter Dialog zwischen diesen drei Religionen oder auch nur zwischen zwei Teilen dieser angeblichen Triade nicht begünstigt, sondern behindert durch die Vorstellung von „drei abrahamitischen Religionen“, die sich lediglich in der Schwerpunktsetzung, in ethnischer Hinsicht oder in ihrer historischen Bedingtheit voneinander unterscheiden.

Ein echter interreligiöser Dialog beginnt damit, dass man das Selbstverständnis des „anderen“ versteht und anerkennt. Falsche Vorstellungen bringen ihn nicht voran. Der nächste Papst sollte den Katholizismus – gerade weil er an einer wahrheitszentrierten interreligiösen Begegnung interessiert ist – über den bildlichen Ausdruck von den „drei abrahamitischen Religionen“ hinausführen. Die Vorstellung von einer monotheistischen Dreiergruppe hat in der Theologie keiner der drei Glaubenslehren tiefere Wurzeln. Sie ist eine Erfindung von Akademikern des 20. Jahrhunderts – und der nächste Papst sollte dafür sorgen, dass sie den Dialog des Katholizismus mit dem Islam im 21. Jahrhundert nicht bestimmt.

kath.net Buchtipp
Der nächste Papst - Das Amt des Petrus und eine missionarische Kirche
Von George Weigel
Media Maria 2020
160 Seiten
ISBN: 9783947931248
Preis: 17,50 Euro


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