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Zwei Worte: Geduld und Geschwisterlichkeit

2. Dezember 2021 in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Papst Franziskus: Auftakt der 35. Apostolischen Reise nach Zypern und Griechenland. .Wir brauchen eine geduldige Kirche, wir brauchen eine geschwisterliche Kirche. Fratelli tutti!


Rom (kath.net) Heute Morgen begann die 35. Apostolische Reise von Papst Franziskus nach Zypern und Griechenland.

Bevor er die Casa Santa Marta verließ, begrüßte der Papst einige Flüchtlinge in Begleitung des von Kardinal Konrad Krajewski. Die Migranten, die jetzt in Italien leben, stammen aus Syrien, dem Kongo, Somalia und Afghanistan. Sie sind in den letzten Jahren durch das Lager auf Lesbos gereist und wurden bei ihrer Ankunft von der Gemeinschaft Sant’Egidio aufgenommen. Einige von ihnen waren 2016 mit dem Papst im päpstlichen Flugzeug nach Italien gereist.

Nach seiner Abreise aus dem Vatikan hielt der Papst in der Pfarrei Santa Maria degli Angeli in der Nähe des Flughafens Fiumicino an, wo er vor dem Bildnis der Muttergottes von Loreto betete und eine Gruppe von Flüchtlingen traf, die von der Pfarrgemeinde aufgenommen worden waren.

Bei seiner Ankunft auf dem internationalen Flughafen von Larnaca wurde Franziskus vom Präsidenten des Parlaments empfangen. Drei Kinder in traditioneller Kleidung überreichten dem Papst einen Blumenstrauß.

Nach der Ehrenwache und der Vorstellung der jeweiligen Delegationen begaben sich der Papst und der Präsident der Abgeordnetenkammer in die VIP-Lounge. Anschließend fuhr der Franziskus mit dem Auto zur maronitischen Kathedrale Unserer Lieben Frau von den Gnaden in Nikosia, wo er mit Priestern, Ordensleuten, Diakonen, Katecheten, Vereinigungen und kirchlichen Bewegungen Zyperns zusammentraf.

„Liebe Brüder und Schwestern, wir brauchen eine geschwisterliche Kirche, die für die Welt ein Werkzeug der Geschwisterlichkeit sein möge. Hier in Zypern gibt es viele geistliche und kirchliche Sensibilitäten, verschiedene Herkunftsgeschichten, unterschiedliche Riten und Traditionen; aber wir dürfen die Vielfalt nicht als Bedrohung für unsere Identität empfinden, und wir dürfen auch nicht eifersüchtig werden und uns um unsere jeweiligen Räume sorgen. Wenn wir dieser Versuchung erliegen, wächst die Angst, Angst erzeugt Misstrauen, Misstrauen führt zu Verdächtigungen und früher oder später zu Krieg. Wir sind Geschwister und alle sind wir geliebt von dem einem Vater. Ihr seid vom Mittelmeer umgeben: ein Meer das verschiedene Geschichten verbindet, ein Meer, das so viele Zivilisationen beherbergt hat, ein Meer, über das auch heute noch Menschen, Völker und Kulturen aus aller Welt ankommen. Mit eurer Geschwisterlichkeit könnt ihr alle, ganz Europa, daran erinnern, dass man zusammenarbeiten, Spaltungen überwinden, Mauern niederreißen und den Traum von der Einheit pflegen muss, um eine menschenwürdige Zukunft aufzubauen. Wir müssen uns gegenseitig annehmen und integrieren, gemeinsam gehen und alle Brüder und Schwestern sein, fratelli tutti!“.

Treffen mit Priestern, Ordensleuten, Diakonen, Katechisten, kirchlichen Cereinigungen und Verbänden Zyperns in der maronitischen Kathedrale Unserer Lieben Frau von den Gnaden in Nicosia:

Seligkeiten, liebe Brüder im Bischofsamt,

liebe Priester, Ordensfrauen und Ordensmänner,

liebe Katechisten, Brüder und Schwestern, Χαίρετε! [Seid gegrüßt!]

Ich bin froh, in eurer Mitte zu sein. Ich möchte Kardinal Béchara Boutros Raï meinen Dank für die Worte aussprechen, die er an mich gerichtet hat, und den Patriarchen Pierbattista Pizzaballa herzlich grüßen. Ich danke euch allen für euren Dienst, besonders euch, liebe Schwestern, für die pädagogische Arbeit, die ihr in der Schule leistet, die von so vielen Kindern der Insel besucht wird und die ein Ort der Begegnung und des Dialogs ist, wo man auch die Kunst des Brückenbauens erlernen kann. Ich danke euch allen für eure Nähe zu den Menschen, vor allem in den besonders schwierigen sozialen und beruflichen Umfeldern.

Ich möchte meine Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass ich dieses Land besuchen und als Pilger auf den Spuren des großen Apostels Barnabas wandeln darf, der ein Sohn dieses Volkes war und ein Jünger, der Jesus liebte und das Evangelium unerschrocken verkündete. Als er die gerade entstehenden christlichen Gemeinden besuchte und das Wirken der Gnade Gottes sah, freute er sich »und ermahnte alle, dem Herrn treu zu bleiben, wie sie es sich im Herzen vorgenommen hatten« (Apg 11,23). Ich komme mit demselben Wunsch: die Gnade Gottes in eurer Kirche und in eurem Land wirken zu sehen, mich mit euch über die Wunder zu freuen, die der Herr wirkt, und euch zu ermahnen, immer standhaft zu bleiben, ohne müde zu werden und euch niemals entmutigen zu lassen.

Wenn ich euch anschaue, sehe ich den Reichtum eurer Vielfalt. Ich grüße die maronitische Kirche, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu auf die Insel gekommen ist und, oft unter großen Schwierigkeiten, im Glauben ausgeharrt hat. Wenn ich an den Libanon denke, macht mir die Krise, in der sich das Land befindet, große Sorgen und ich spüre das Leid eines Volkes, das erschöpft und von Gewalt und Schmerz geprüft ist. In meine Gebete lege ich den Wunsch nach Frieden, der aus dem Herzen dieses Landes aufsteigt, mit hinein Ich danke euch für das, was ihr hier in Zypern tut. Die Zedern des Libanon werden in der Heiligen Schrift oft als Sinnbilder für Schönheit und Größe erwähnt. Aber auch eine große Zeder beginnt mit den Wurzeln und sprießt langsam. Ihr seid diese Wurzeln, die nach Zypern umgepflanzt wurden, um den Duft und die Schönheit des Evangeliums zu verbreiten. Ich danke euch!

Ich grüße auch die lateinische Kirche, die hier seit Jahrtausenden präsent ist, und die hier über diese Zeit mit ihren Söhnen und Töchtern den Enthusiasmus des Glaubens wachsen sah und die sich heute, dank der Anwesenheit so vieler Brüder und Schwestern mit Migrationshintergrund, als ein „vielfarbiges“ Volk präsentiert, als ein wahrer Ort der Begegnung verschiedener ethnischer Gruppen und Kulturen. Diese Gestalt der Kirche spiegelt die Rolle Zyperns auf dem europäischen Kontinent wider: es ist ein Land mit goldenen Feldern, eine Insel, die von den Wellen des Meeres umspült wird, vor allem aber ist sie geschichtlich ein Geflecht von Völkern und ein Mosaik von Begegnungen. So ist auch die Kirche: katholisch, d.h. universal, ein offener Raum, in dem alle willkommen sind und wo alle Gottes Barmherzigkeit und die Einladung zum Lieben erreicht. (...) In der katholischen Kirche gibt es keine Mauern und soll es keine Mauern geben: Sie ist ein gemeinsames Haus, sie ist ein Ort der Beziehung, sie ist ein Zusammenleben der Vielfalt. (...)

Liebe Anwesende, ich möchte mit euch nun einige Gedanken über den heiligen Barnabas, euren Bruder und Patron, teilen und dazu zwei Worte aus seinem Leben und seiner Sendung herausgreifen.

Das erste lautet Geduld. Wir sprechen von Barnabas als einem großen Mann des Glaubens und des Ausgleichs, der von der Kirche Jerusalems – wir können sagen, der Mutterkirche – als die am besten geeignete Person ausgewählt wurde, um eine neue Gemeinschaft, nämlich die von Antiochia, zu besuchen, welche aus einigen erst kürzlich aus dem Heidentum bekehrten Menschen bestand. Er wird losgeschickt, um zu sehen, was vor sich geht, fast wie ein Entdecker. Er trifft dort auf Menschen, die aus einer anderen Welt und einer anderen Kultur kommen und ein anderes religiöses Empfinden besitzen; Menschen, die gerade ihr Leben geändert haben und deshalb einen Glauben haben, der voller Begeisterung, aber noch zerbrechlich ist. In dieser Situation zeichnete sich Barnabas durch eine große Geduld aus: die Geduld, sich andauernd auf Reisen zu begeben, die Geduld, in das Leben bisher unbekannter Menschen einzutreten, die Geduld, Neues aufzunehmen, ohne es vorschnell zu verurteilen, die Geduld der Unterscheidung, die überall die Zeichen des Wirkens Gottes erkennen kann, die Geduld, andere Kulturen und Traditionen zu „studieren“. Barnabas hat vor allem die Geduld des Begleitens: Er erdrückt den zerbrechlichen Glauben der Neuankömmlinge nicht mit einer strengen, unflexiblen Haltung oder mit überzogenen Forderungen hinsichtlich der Einhaltung der Vorschriften. Er begleitet sie, nimmt sie an die Hand und steht mit ihnen im Dialog. (...)

Liebe Brüder und Schwestern, wir brauchen eine geduldige Kirche. Eine Kirche, die sich von Veränderungen nicht erschüttern und stören lässt, sondern das Neue gelassen aufnimmt und die Gegebenheiten im Licht des Evangeliums erwägt. Wertvoll sind eure Bemühungen bei der Aufnahme neuer Brüder und Schwestern, die aus anderen Gegenden der Welt auf diese Insel kommen. Wie Barnabas seid auch ihr gerufen, einen geduldigen und aufmerksamen Blick zu pflegen und sichtbare und glaubwürdige Zeichen der Geduld Gottes zu sein, der niemals jemanden außen vor lässt, ohne seine zärtliche Umarmung. Die Kirche in Zypern hat diese offenen Arme: Sie nimmt auf, integriert und begleitet. Das ist eine wichtige Botschaft auch für die Kirche in ganz Europa, die von einer Glaubenskrise gezeichnet ist: Es nützt nichts, impulsiv und aggressiv, nostalgisch oder klagend zu reagieren, sondern es ist gut, vorwärts zu gehen und die Zeichen der Zeit und auch die Zeichen der Krise zu lesen. Wir müssen wieder anfangen, geduldig das Evangelium zu verkünden, vor allem gegenüber den jungen Generationen. Euch, meinen lieben Brüdern im Bischofsamt, möchte ich sagen: Seid Hirten, die geduldig Nähe suchen, werdet nicht müde, Gott im Gebet zu suchen, die Priester in Begegnungen, die Brüder und Schwestern der anderen christlichen Konfessionen mit Respekt und Achtsamkeit, die Gläubigen dort, wo sie leben. Liebe Priester, euch möchte ich sagen: Seid geduldig mit den Gläubigen, immer bereit, sie zu ermutigen, unermüdliche Diener der Vergebung und Barmherzigkeit Gottes. Seid niemals strenge Richter, sondern immer liebevolle Väter. (...)

Das Werk, das der Herr im Leben eines jeden Menschen tut, ist etwas Heiliges: Lassen wir uns davon begeistern. Angesichts der bunten Vielfalt in eurem Volk bedeutet Geduld auch, ein Ohr und ein Herz zu haben für unterschiedliche geistliche Empfindungen, unterschiedliche Ausdrucksformen des Glaubens und unterschiedliche Kulturen. Die Kirche will nicht vereinheitlichen, sondern geduldig integrieren. Das ist es, was wir mit Gottes Gnade auf dem synodalen Weg tun wollen: geduldiges Gebet und geduldiges Zuhören, damit die Kirche fügsam gegenüber Gott und den Menschen gegenüber offen ist.

In der Geschichte von Barnabas gibt es einen zweiten wichtigen Aspekt, den ich hervorheben möchte: seine Begegnung mit Paulus von Tarsus und ihre brüderliche Freundschaft, die sie dazu bringen wird, gemeinsam zu missionieren. Nach der Bekehrung des Paulus, der zuvor ein erbitterter Christenverfolger gewesen war, »fürchteten sich [alle] vor ihm, weil sie nicht glaubten, dass er ein Jünger war« (Apg 9,26). Hier sagt die Apostelgeschichte etwas sehr Schönes: »Barnabas jedoch nahm sich seiner an« (V. 27). Er stellt ihn der Gemeinde vor, erzählt, was mit ihm geschehen ist, und bürgt für ihn. Hören wir auf dieses „er nahm sich seiner an“. Der Ausdruck erinnert an die Sendung Jesu, der die Jünger auf die Straßen Galiläas mitnahm, der unsere von der Sünde verwundete Menschheit auf sich nahm. Dies ist eine Haltung der Freundschaft und der Lebensgemeinschaft. Mitnehmen, auf sich nehmen bedeutet, sich der Geschichte des anderen anzunehmen, sich die Zeit zu nehmen, ihn kennen zu lernen, ohne ihn zu etikettieren, ihn auf den Schultern zu tragen, wenn er müde oder verletzt ist, wie es der barmherzige Samariter tut (vgl. Lk 10,25-37). Das nennt man Geschwisterlichkeit. Und das ist das zweite Wort.

Barnabas und Paulus sind wie Brüder gemeinsam unterwegs, um das Evangelium zu verkünden, selbst inmitten von Verfolgungen. In Antiochia »blieben sie miteinander ein volles Jahr in der Gemeinde und lehrten eine große Zahl von Menschen« (Apg 11,26). Beide waren dann nach dem Willen des Heiligen Geistes für eine größere Mission bestimmt und »segelten nach Zypern« (Apg 13,4). Und das Wort Gottes verbreitete sich rasch und wuchs nicht nur wegen ihrer menschlichen Qualitäten, sondern vor allem, weil sie Brüder im Namen Gottes waren, und weil diese ihre Brüderlichkeit ein Widerschein des Gebots der Liebe war. (...)

Dann geschieht, wie das im Leben so ist, etwas Unerwartetes: Die Apostelgeschichte berichtet, dass die beiden eine heftige Auseinandersetzung haben und ihre Wege sich trennen (vgl. Apg 15,39). Auch unter Brüdern gibt es Diskussionen, manchmal Streit. Paulus und Barnabas trennen sich jedoch nicht aus persönlichen Gründen, sondern weil sie über ihren Dienst und die Art und Weise, wie sie ihre Mission durchführen wollen, diskutieren und unterschiedliche Vorstellungen haben. Barnabas will auch den jungen Markus mit auf die Mission nehmen, Paulus nicht. Sie diskutieren, aber aus einigen späteren Briefen des Paulus geht hervor, dass die beiden keinen Groll mehr hegten. An Timotheus, der danach zu ihm stoßen soll, schreibt Paulus sogar: »Beeil dich, bald zu mir zu kommen […] Nimm Markus [eben diesen!] und bring ihn mit, denn er ist für mich nützlich zum Dienst« (2 Tim 4,9.11). Das ist die Geschwisterlichkeit in der Kirche: Über unterschiedliche Sichtweisen, Wahrnehmungen und Ideen kann man diskutieren. (...)

Und in manchen Fällen hilft es, sich die Dinge offen ins Gesicht zu sagen, es ist eine Chance für Wachstum und Veränderung. Aber denken wir immer daran: Man diskutiert nicht, um sich zu bekriegen, nicht, um sich durchzusetzen, sondern um die Lebendigkeit des Geistes, der Liebe und Gemeinschaft ist, zum Ausdruck zu bringen und zu erfahren. Man diskutiert, aber man bleibt einander Bruder oder Schwester. (...)

Liebe Brüder und Schwestern, wir brauchen eine geschwisterliche Kirche, die für die Welt ein Werkzeug der Geschwisterlichkeit sein möge. Hier in Zypern gibt es viele geistliche und kirchliche Sensibilitäten, verschiedene Herkunftsgeschichten, unterschiedliche Riten und Traditionen; aber wir dürfen die Vielfalt nicht als Bedrohung für unsere Identität empfinden, und wir dürfen auch nicht eifersüchtig werden und uns um unsere jeweiligen Räume sorgen. Wenn wir dieser Versuchung erliegen, wächst die Angst, Angst erzeugt Misstrauen, Misstrauen führt zu Verdächtigungen und früher oder später zu Krieg. Wir sind Geschwister und alle sind wir geliebt von dem einem Vater.

Ihr seid vom Mittelmeer umgeben: ein Meer das verschiedene Geschichten verbindet, ein Meer, das so viele Zivilisationen beherbergt hat, ein Meer, über das auch heute noch Menschen, Völker und Kulturen aus aller Welt ankommen. Mit eurer Geschwisterlichkeit könnt ihr alle, ganz Europa, daran erinnern, dass man zusammenarbeiten, Spaltungen überwinden, Mauern niederreißen und den Traum von der Einheit pflegen muss, um eine menschenwürdige Zukunft aufzubauen. Wir müssen uns gegenseitig annehmen und integrieren, gemeinsam gehen und alle Brüder und Schwestern sein, fratelli tutti!

Ich danke euch für das, was ihr seid und was ihr tut, für die Freude, mit der ihr das Evangelium verkündet, und für die Mühen und Entbehrungen, mit denen ihr für es eintretet und es fördert. Dies ist der Weg, den die heiligen Apostel Paulus und Barnabas vorgezeichnet haben. Ich wünsche euch, dass ihr immer eine geduldige Kirche seid, eine Kirche, die unterscheidet, begleitet und integriert, und eine geschwisterliche Kirche, die dem anderen Raum lässt, die diskutiert, aber geeint bleibt. Ich segne euch und bitte euch, weiterhin für mich zu beten! Efcharistó! [Danke!]

 


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