Kardinal Brandmüller: ‚Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen…’

18. Februar 2021 in Aktuelles


Ein nüchterner kritischer Blick, den es zu tun gilt. Was sieht, erlebt in diesen unseren Tagen ein mit der Kirche verbundener europäischer Katholik? Wie – fragen viele – konnte es soweit kommen? Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as/wb) Prolog: „Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag, / Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. / Ein wenig besser würd’ er leben, / Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben. / Er nennts Vernunft und braucht’s allein / Nur thierischer als jedes Thier zu seyn. / Er scheint mir, mit Verlaub von Ew. Gnaden, / Wie eine der langbeinigen Cicaden, / Die immer fliegt und fliegend springt / Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt; / Und läg’ er nur noch immer in dem Grase! / In jeden Quark begräbt er seine Nase“ (Mephisopheles, in: Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Prolog im Himmel).

„Nun hat schon das zweite Jahrzehnt des dritten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung, christlicher katholischer Kirchengeschichte begonnen. Was sieht, erlebt in diesen unseren Tagen ein mit der Kirche verbundener europäischer Katholik?“ – Walter Kardinal Brandmüller und sein Schreibtisch. „Ignem in terram“ steht unter dem Wappen des Purpurträgers geschrieben: „Ignem veni mittere in terram et quid volo si accendatur“ – „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ (Lk 12,49). Und das Feuer verlässt die Eminenz nie, und sie schürt es immer gehörig. Auch und gerade in diesem neuen Hirtenwort.

In der Höhe der römischen Kirche des heiligen Ignatius von Loyola griff Andrea Pozzo diesen Vers aus dem Lukas-Evangelium auf, und er lag ja auch dem Gründer der Gesellschaft Jesu sehr am Herzen. Ein „Zusammenfall“, eine „coincidentia“, die den Kardinal mit der neuen und alten Zeit verbindet. Ein Wort des Brückenschlages. Jesus spricht mit seinen Jüngern über sein künftiges Schicksal. Er ahnt, wie sich dieses Schicksal erfüllen soll.

Der Professor schreibt alles mit der Hand, mit sorgfältig gespitztem Bleistift, auf gutem Papier. Das Handschriftliche muss dann ins Digitale rübergebracht werden, da hilft sodann jemand. Die Denkarbeit des Kardinals ist diszipliniert. Und man kann sie auch sehen, was besonders faszinierend ist. Der iMac öffnet die Welt für den informierten Mann, der dreiundneunzigjährige Kardinal ist ein „User“, er bewegt sich im Netz, als sei er darin aufgewachsen. Was Arbeiten mit einem Computer betrifft, ist dies nicht so seine Angelegenheit. Zum Glück. Der Kardinal arbeitet „klassisch“. Ein Blick immer aufs Kreuz, das vor ihm an der Wand hängt. Und am Fenster kommen dann gerne Möwen vorbei, um zuzuschauen. Die Vögel dürften schon so einiges mitgelesen haben. Der Kardinal lebt in einer Bibliothek, wie es sich für einen der bedeutendsten Kirchenhistoriker unserer Zeit gehört.

Gerade die aktuellen schweren Zeiten, schwere Zeiten für die Kirche, in denen Schönheit, Fest und Feiern abhanden gekommen zu sein scheinen, was durch eine „Pandemie“ noch mehr akzentuiert wird, lassen den Kardinal und Erzbischof nicht aufhören, über Gegenwart und Zukunft nachzudenken. Und im konstanten Informationsfluss bildet dann dieses Nachdenken eine mahnende und produktive, weil realistische Insel. Ein wahres „Hirtenwort“.

Ein wichtiger Blick in die Zukunft, und der Historiker hilft dabei: „Der Christ, der dabei die Orientierung nicht verlieren will, hat einen zuverlässigen Kompass in Gestalt des von Papst Johannes Paul II. herausgegebenen und unter der Federführung des Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger erstellten Katechismus der Katholischen Kirche, der im Jahre 1992 erschienen und in mehrere Sprachen – auch ins Lateinische – übersetzt wurde.

Hier also finden wir die Lehre der Kirche, wie sie im Prozess der Überlieferung unter Leitung des Heiligen Geistes in Heiliger Schrift und Tradition Gestalt angenommen hat. Glaubensleben, Gottesdienst, Seelsorge müssen sich an diesen Normen orientieren, wenn sie „in der Wahrheit bleiben“ wollen, wie Evangelium und Briefe des Johannes es formulieren. Diesem Kompass folgend sind wir sicher, das Ziel nicht zu verfehlen“.

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Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen... Von Walter Kardinal Brandmüller

Nun hat schon das zweite Jahrzehnt des dritten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung, christlicher katholischer Kirchengeschichte begonnen. Was sieht, erlebt in diesen unseren Tagen ein mit der Kirche verbundener europäischer Katholik?

Unübersehbar der massenhafte Auszug aus der Kirche! Mit scharfen Windstößen fährt ein antichristlicher, widergöttlicher Zeitgeist durch die Äste des „Baumes Kirche“ und fegt unerbittlich das welke Laub hinweg: massenhafte Kirchenaustritte, Abfall vom Glauben, in einem Ausmaß, wie es selbst unter den Diktaturen des 20. Jahrhunderts nicht denkbar gewesen wäre.

Nun sind es nicht mehr nur die lauen, gleichgültigen „Taufschein-Christen“, die die Kirche verlassen, sondern auch die nicht wenigen, die ihren Protest gegen einen zeitgeistverfallenen Apparat „Kirche“ Ausdruck verleihen. Sekretariat der Bischofskonferenz, Zentralkomitee der deutschen Katholiken, katholische Akademien etc., der Apparat, der unbekümmert um sich selber kreist, soll das Kirche Jesu Christi sein?

Da gibt es nicht wenige, die enttäuscht, ratlos ihre vertraute Kirche nicht mehr wiedererkennen. Nicht wenige suchen geistige Heimat in den Gemeinschaften, die der Tradition verbunden sind. Wie erklärte es sich sonst, dass eben diese wachsen und gedeihen, ohne an den Kirchensteuermillionen teilzuhaben und dazu noch volle Priesterseminare haben? Was also ist – gerade im deutschen – Katholizismus im Gange?

Aber: Massenabfall, Glaubensschwund, moralische Beliebigkeit, „Erkalten der Liebe“ – verspricht all dies nicht Jesus selbst, wenn er die Zeichen seines nahen Wiederkommens nennt? Viele sehen dem wie schreckgelähmt rat- und hilflos zu.

Wie – fragen viele – konnte es soweit kommen? Schauen wir uns im Rückspiegel das vergangene Jahrhundert deutscher Kirchengeschichte an. Nein, da geht es nicht um Nostalgie. Es ist ein nüchterner kritischer Blick, den es zu tun gilt. Wir sehnen uns nicht zurück nach dem „Haus voll Glorie“, wissend, dass inzwischen der Sturm nicht nur mehr „um die Mauern tobt“, sondern scharf durch das Haus fährt.

Es ist natürlich wahr, dass einstmals die Katholiken den totalitären gottfeindlichen Regimen in Ost und West unter der Führung ihrer Bischöfe zumeist treu standgehalten haben. Im totalen Zusammenbruch Deutschlands war denn auch die katholische Kirche als einzige gesellschaftliche Struktur intakt geblieben.

Ebenso wahr ist es aber auch, dass schon zwei Jahrzehnte danach die seit der Wende zum 20. Jahrhundert im Untergrund virulenten Keime des Modernismus wieder am Werk waren. Die beiden Weltkriege und der Widerstand gegen die Ideologien der Zeit hatten die theologische Auseinandersetzung mit dem Modernismus nur unterbrochen. Nun zeigte sich dies, als Pius XII. mit seiner Enzyklika Humani generis dieses Thema aufgriff und sich, besonders in Deutschland, dagegen entschiedener Widerstand erhob. Diese Entwicklung gipfelte alsdann ein ganzes Jahrzehnt darauf in dem wütenden, sich in vulgären Formen ausdrückenden Protest gegen die Enzyklika Pauls VI. Humanae vitae des Jahres 1968 – dem annus fatalis deutscher Kirchen- und Kulturgeschichte.

Die deutschen Moraltheologen schlossen sich daraufhin – mit nur zwei bemerkenswerten Ausnahmen – dem Nein zur Enzyklika an. Diesem entsprach die wachsende Verständnislosigkeit, mit der man in weiten Kreisen wieder einmal gegen den priesterlichen Zölibat Sturm lief. Nicht selten reagierten Gemeinden auf die Mitteilung eines Priesters, heiraten zu wollen, mit spontanem Applaus. Nimmt man die Beobachtung hinzu, dass in gar nicht wenigen Kirchen seither ein liturgisches Chaos herrscht und die liturgischen Bücher der Kirche durch fragwürdige Eigenprodukte ersetzt werden, Priester selbstfabrizierte Gottesdienste feiern, und sogar die Wandlungsworte verändern, – dann ist klar, dass Auflösung, Zusammenbruch bis in die Herzmitte der Kirche vorgedrungen sind. Man denkt unwillkürlich an das Wort Jesu vom „Gräuel der Verwüstung am heiligen Ort“ als Warnzeichen für das Ende (Mt 24, 15ff.).

Symptome der Selbstzerstörung mehren sich.

Anstatt angesichts all dessen in einen frommen Alarmismus zu verfallen, der am Horizont schon das Wetterleuchten des Jüngsten Tages zu erkennen meint, gilt es eher, auf den Erfahrungsschatz der Kirche zu blicken.

Es genügt, uns an die Wende zum 19. Jahrhundert zu erinnern: Zusammenbruch der kirchlichen Strukturen in der Säkularisation, Bistümer Jahrzehnte lang ohne Bischof, die Firmung ein unbekanntes Sakrament, Amtsflucht vieler Priester, besonders von Ordensleuten, leere Priesterseminare. Und: Priester, die sich ganz im Sinne der rationalistischen Aufklärung als Volkserzieher, Kirchenbeamte, Sozialarbeiter verstanden.

Liturgischer Wildwuchs, danach schon selbstgemachte deutsche „Liturgische Versuche“ (so Ludwig Busch 1803), rapider Rückgang von Gottesdienstbesuchen und Sakramentenpraxis – dies war an der Schwelle zum 19. Jahrhundert kirchlicher Alltag. Die Wahl der Predigtthemen offenbart den Glaubensverlust weiter Kreise des Klerus. Da predigte man an Weihnachten über Geburtshilfe und Säuglingspflege, an Ostern über das Wiedererwachen der Natur nach dem Winter. Da war auch der rechte Augenblick, um Probleme der Schafzucht (Osterlamm!) zu erörtern, und die Gefahr, Scheintote zu begraben. An Pfingsten – Sturm und Feuerzungen – lag es nahe, den von Benjamin Franklin erfundenen Blitzableiter zu empfehlen.

Und nun die Frage: Erleben wir Vergleichbares nicht heute? Sind Umwelt, Migration, Regenwald, Energiewandel und Sozialkonflikte als Predigtthemen nicht weniger Gott-los und darum auf einer christlichen Kanzel fehl am Platze?

Auch der flächendeckende Einbruch der religiösen Praxis, den wir heute erleben, ist keineswegs etwas Neues – er ist damals wie heute Folge jener banalisierenden, das Evangelium gleichsam entkernenden im wahren Wortsinn „Gott-losen“ Predigt, wie man sie heute von den Kanzeln hört.

All dessen ungeachtet erlebte hingegen das 19. Jahrhundert nicht nur das Ende des Pariser Revolutionsregiments, sondern auch, ausgehend von Frankreich, einen vorher kaum zu erwartenden Aufbruch des religiösen Lebens. Man zitierte gern mit Blick auf die Tausende wegen ihres Glaubens von der Revolution hingerichteten Franzosen Tertullians Wort vom Blut der Märtyrer, das der Same für neue Christen sei.

Nun entstanden zahlreiche Ordensgemeinschaften – allein unter dem Pontifikat Pius‘ IX. (1846-1878) waren es mehr als hundert (!) – die sich der Glaubensvermittlung, Erziehung, Krankenpflege und der außereuropäischen Mission widmeten. Auch das Mönchtum erlebte einen neuen Frühling. Eine beeindruckende Entwicklung in einem Europa, dessen führende Schichten von unerhörtem Fortschritt in Wissenschaft und Industrie, aber auch von den materialistischen, atheistischen Strömungen der Philosophie geradezu benommen waren. Dieses Europa, das sich mit jener vom Fortschrittsenthusiasmus geblendeten Arroganz von seiner christlichen Herkunft emanzipiert hatte, ging in den Materialschlachten des 1. Weltkriegs unter. Schon bei den Friedensverhandlungen von 1918 zeichneten sich jedoch am Horizont die Katastrophen des 20. Jahrhunderts ab.

Soweit die Vergangenheit. Und die Zukunft?

Denken wir an sie, sollten wir der Mahnung des Apostels Paulus folgen, der den von Zukunftsangst erfüllten Christen von Thessaloniki schreibt: „Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen und in Schrecken jagen…“ (2 Thess 2, 1-3). Wenn wir darum das Heute nüchtern und gelassen betrachten und den Blick auf das Morgen werfen, können wir die Gegenwart mit all ihrer Bedrängnis, aber auch in ihrer Vorläufigkeit erkennen.

Vergessen wir nicht, was Jesus über die Zukunft seiner Kirche sagt. Von ihm sind ganz andere als triumphalistische Töne zu vernehmen, Da ist vielmehr von Verfolgung, von Kreuz-Tragen und gewaltsamem Tod die Rede, ja sogar von Katastrophen, die den Kosmos erschüttern.

Nicht anders die durch das unbezweifelbare „Sonnenwunder“ vom 13. Juli 1917 zu Fatima „beglaubigte“ Botschaft der Gottesmutter. Es ist evident: die Kirche, der „geheimnisvolle Leib Christi“, muss auch den Weg Jesu Christi nachvollziehen, der, in der Herrlichkeit endend, doch über Golgotha führt. An welchem Punkt, an welcher Wendung dieses Weges dieses Weges wir uns heute befinden, weiß der Himmel. Die Zukunft der Kirche in Glanz und Herrlichkeit bricht erst mit dem Jüngsten Tag an, und wird Wirklichkeit im Himmlischen Jerusalem. Das ist das Ziel. Es ist die Offenbarung des Johannes, die in hinreißenden Bildern von seiner Herrlichkeit verkündet. Seither befinden wir uns auf dem Weg dorthin.

Der Christ, der dabei die Orientierung nicht verlieren will, hat einen zuverlässigen Kompass in Gestalt des von Papst Johannes Paul II. herausgegebenen und unter der Federführung des Präfekten der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger erstellten Katechismus der Katholischen Kirche, der im Jahre 1992 erschienen und in mehrere Sprachen – auch ins Lateinische – übersetzt wurde.

Hier also finden wir die Lehre der Kirche, wie sie im Prozess der Überlieferung unter Leitung des Heiligen Geistes in Heiliger Schrift und Tradition Gestalt angenommen hat. Glaubensleben, Gottesdienst, Seelsorge müssen sich an diesen Normen orientieren, wenn sie „in der Wahrheit bleiben“ wollen, wie Evangelium und Briefe des Johannes es formulieren. Diesem Kompass folgend sind wir sicher, das Ziel nicht zu verfehlen.

Hinzu kommt das lebenslange Bemühen des einzelnen Christen, in seinem Lebensalltag in Familie, Beruf und Gesellschaft eben diesen sittlichen Normen zu entsprechen.

Mit dem Blick auf die heutige Situation der Kirche, die durch Verwirrung in der Glaubenslehre und individuelle moralische Willkür etc. gekennzeichnet ist, ist klar, welche Bedeutung der soliden Kenntnis der Lehre der Kirche und ihrer Weisung für das sittliche, sakramentale, liturgische Leben zukommt.

Dass sich bei dem Bestreben, diesen Forderungen zu entsprechen, in einem „romkritischen“ Milieu Spannungen und Konflikte ergeben, ist offenkundig. In solchen Situationen ist jedoch außer dem klaren Zeugnis für die Wahrheit auch ein Stil der innerkirchlichen Auseinandersetzung gefordert, der dem Anspruch des Evangeliums gerecht wird. Der Wahrheit in Liebe – auch Feindesliebe – dienen, das allein überzeugt!

In diesen letzten Zeilen – der Leser wird’s bemerkt haben – ist die Rede von Glaube, Liebe, Hoffnung – den Göttlichen Tugenden. So nennt man sie, weil die Fähigkeit zu glauben, zu hoffen und zu lieben Gnadengaben Gottes sind, die dem erlösten Menschen im Sakrament der Taufe geschenkt, gleichsam eingegossen werden. In ihrer Kraft vermögen wir den vielfachen Widrigkeiten standzuhalten, bis der Herr wiederkommt – bis dahin gilt: „Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen und in Schrecken jagen… (2 Thess 2, 1-3)“.


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