"B├Ątzing zur Sonne, zur Freiheit!"

28. September 2021 in Kommentar


Der "Linksrutsch" der deutschen Kirche, Teil 2 - Kommentar von Franz Norbert Otterbeck


Köln (kath.net)

Angela Merkel ist am Ziel ihres politischen Weges: die CDU ist ruiniert und der "politische Katholizismus" zugleich erledigt. Laschet hat noch eine schmale Kanzlerperspektive, aber man ist versucht zu sagen: Lass' et! Die mögliche Linksregierung in Gestalt einer "Ampel" wird nicht nur üble Folgen haben für Wirtschaft und Sozialordnung, sondern wahrscheinlich auch für die nationalen Kirchen. Ihre vorauseilende Anpassung an eine reichlich dominante Linksmentalität wird ihnen institutionell wenig nützen. Aus der Perspektive des Sozialismus steht die Religion nämlich immer "rechts", mag sie sich noch so beflissen "tarnen", mittels eines engagierten Jargons. Es hat zwar christliche Sozialisten gegeben, aber legitim nur hinsichtlich realpolitischer Forderungen. Wer die Grenze zur Ideologie überschreitet, kann nicht Christ und Sozialist zugleich sein. Denn das Paradies auf Erden wird es nie geben. Alle Politik mündet immer in Enttäuschung ein, wenn man von ihr zu viel verlangt, selbstverständlich auch in der "Klimapolitik". Erlösung bietet die sterbliche Welt nämlich nicht.

Deshalb ist der relative Linksrutsch der "deutschen Kirche" von anderer Art als es das Ergebnis einer Bundestagswahl zeigen kann. Die Demagogen der "pastoralen Linken" werden nicht selten brave Unionswähler bleiben, schon aus Gründen der Selbsterhaltung ihrer "Benefizien". Aber in ihren Herzen hat ein Linksrutsch der religiösen Weltanschauung stattgefunden. Weg von der Heilsgeschichte, hin zu einer Geschichtlichkeit des kirchlichen Fortschritts, letztlich hin zu einer: Kirche ohne Gott. Was war die katholische Religion in einem Wort? Gnadenvermittlung. Was predigt Bischof Bätzing? Keine Gnade? "Wir geben nichts." (Außer Wortspenden.) Sogar Kardinal Kasper warnt inzwischen vor der puren Häresie, man könnte "Kirche machen". Kirche statt Gott. Damit wäre unsere hergebrachte Religion vollends "auf links" gedreht und die Kirche nurmehr Partei.

Das Arbeiterlied "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit ..." hieß im russischen Original: Tapfer, Genossen, im Gleichschritt ... Damit ist hübsch angedeutet, was die 'Bolschewiki' (Mehrheitler) im so gen. "Synodalen Weg" vorhaben, sowohl was die Verfahren betrifft als auch die Ergebnisse. Der 'Große Vorsitzende' Bätzing karikiert seine Kritiker immer falsch. Sonst müsste er ja hinzulernen. Der Feind steht "rechts", also muss der 'Teufel an die Wand gemalt' werden. Wir fragen doch Bätzing, Sternberg et al. nur immer wieder: Warum diese Veränderung? Wohin führt sie? Selbstverständlich darf die "deutsche Kirche" nicht bleiben, was sie in Jahrzehnten geworden ist: Der blockierte Riese, der sich selbst verwaltet. So geht es nicht weiter! Aber es muss Argumente für bestimmte Veränderungen geben, nachvollziehbare Gründe. Bislang wurden keine genannt. Die bisher publizierten Entwürfe für die inszenierte Papierflut (Grundtexte, Handlungstexte) referieren fast durchgehend apodiktische Behauptungen, die bei Licht betrachtet weder aus pastoraler Erfahrung noch aus reflektierter Theologie herzuleiten sind (von einigen Einschüben mal abgesehen). Insbesondere die Beter, die einfachen Katholiken hatten keinen Einfluss auf diese Produkte. Wer will denn so "neues Vertrauen" begründen? Und dann sogar 'draußen in der Welt'?

Die Frankfurter Veranstaltung ist ein "Reichsparteitag", der nur 'nach innen' fasziniert, vor allem die eigenen Teilnehmer; und sogar das immer weniger: denn die "Minderheit" wird plattgemacht. Zu überwältigend könnte der Rausch sein, das schmale Zeitfenster nutzen zu wollen, das die Agonie des derzeitigen Pontifikats noch zu bieten scheint. Jetzt schnell die Pflöcke einschlagen, die in Würzburg 1975 liegenbleiben mussten! Neu im Verhältnis zur damaligen Scheinsynode sind doch allenfalls die penetranten Jubelarien auf das homosexuelle Glück, von dem anscheinend fast alle Bischöfe inzwischen überzeugt sind. Ohne dass es je zwingende Erkenntnisse der "Humanwissenschaften" gab, die es der Kirche unmöglich machen würden, den Sündern das Evangelium zu verkünden. Alle anderen Forderungen nach "Reform", die da wieder und wieder propagiert werden, sind alt, älter, uralt. Sie passen weder in die Zeit, die andere Sorgen hat, noch haben sie Relevanz für einen glaubwürdigeren Auftritt "von Kirche" heute. Aber man muss mit der Planierraupe ran. "Macht kaputt, was Euch kaputtmacht!" Tugendbold Bätzing mit seinem Talent zu rhetorischer Überwältigung formuliert freilich etwas dezenter. Neulich in der Fußgängerzone zu Wiesbaden habe er sich ein Eis gegönnt ... "Ich habe mir .... gegönnt." Das ist das Evangelium nach Bätzing. Er hat sich eine Mitra gegönnt. Er hat sich einen Vorsitz gegönnt. Den Kardinalshut wird er sich nicht gönnen können. Denn bis es so weit kommen könnte, wird er zuviel kaputtgemacht haben.

Ich bin kein Woelki-Fan. Er scheint mir zu undurchsichtig, tendenziell zu unfair zu agieren. Aber jetzt bin ich erleichtert, dass er in Köln tätig bleiben wird. Denn auch manche Mitbrüder haben allzu übel mit ihm gespielt. Er wird es auf dem erzbischöflichen Stuhl schwer haben. Viel Vertrauen wurde verheizt. Ihn wird auf Dauer die negative Aura der tragischen Figur umwölken. Aber vielleicht geht er geistlich gestärkt aus der Krise hervor, vielleicht wird er noch mehr Mut fassen, gegen Ränkespiele des deutsch-demokratischen Bischofskollektivs vorzugehen, insbesondere gegen die Demontage der Theologie, der Liturgie und der christlichen Caritas.

Den "Linksrutsch" des deutschnationalen Kirchentums werden einzelne Bischöfe aber nicht aufhalten, auch kein Hanke, kein Oster, kein Voderholzer. Denn die Diözesen sind mit diesen "Betriebs-Kampfgruppen" durchsetzt. Becker, Bode, Genn und Co. segnen zumeist nur ab, was ihnen aus den hypertrophen Apparaten heraufgereicht wird. Von Gerber, Kohlgraf, Wilmer ist wenig zu erhoffen. Der konfessionelle "Linksrutsch" ist keinesfalls nur-politisch zu verstehen. Vielmehr besteht seine Ursünde darin, wie es die EKD seit 1968 vorexerziert hat, die Religion insgesamt mit polit-sozialem Gequatsche zu durchsäuern. Das ist nicht der Sauerteig des Evangeliums! Man blicke nur auf den "Impuls", den der Bischof von Mainz seinen Mitbrüdern zum römischen 'Synodalen Weg' verpasst hat. Er wagte in Fulda zu sagen: "Die Rede vom Leben der Kirche als Weg ohne die Bejahung einer Möglichkeit vertiefter Zugänge zum 'Depositum Fidei' und auch sich verändernder Zugänge wäre unsinnig. Wiederholt hat der Papst vor der Glaubenslehre als Museum gewarnt." Dann heißt es: "Die weltweite Realität der Kirche steht in der Spannung zwischen einer dramatischen Säkularisierung und einem religiösen Integralismus, der Intoleranz und Gewalt fördert. Weltweit gesehen scheint eher die Reaktion auf den Versuch einer Anpassung an säkulare Gesellschaften lehramtlich kritisch beäugt zu werden als die Formen von Ausgrenzung und Intoleranz in anderen kirchlichen Kontexten. Auch darauf muss Synodalität eingehen." Man versucht ja, das sich fundamentaltheologisch gebärdende Wortgeklingel in normale Sprache zu übersetzen. Die vertieften, veränderten Zugänge zum Glauben? Wir buddeln uns einen Tunnel, raus aus dem Museum, raus dem Gefängnis! Und dann: Der Feind steht "rechts". Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!

Mir ist allerdings bislang nicht aufgefallen, dass ein Zelebrant der "alten Messe" ein Selbstmordattentat auf eine Moschee verübt hätte. An versteckter Stelle hat auch Burning Bätzing in seinem Pressebericht durchblicken lassen, wohin die Reise geht. Zur (inexistenten) Jugendpastoral heißt es: "Wenn junge Menschen heute nach einem tragfähigen Lebens- und Gottesglauben suchen, so geschieht dies in einer weltanschaulichen Vielfalt und in einer Zeit, in der Kirche von vielen nicht mehr als Ort für weltanschauliche Orientierung oder sogar Gottessuche wahrgenommen wird." Weiter im Text: "Die Vielfalt unserer jugendpastoralen Handlungsfelder ist eine wesentliche Voraussetzung, um den Bedürfnissen junger Menschen zu entsprechen und für sie da zu sein. Dabei darf sich Jugendpastoral nicht verschließen und in ihren eigenen Kreisen verstricken; sie hat ein Herz für alle jungen Menschen, gleich welcher Religion oder Kultur sie angehören." Der Lebens- und Gottesglaube! Spinoza fasste seinen neuzeitlichen Pantheismus bekanntlich in die Formel: 'Deus sive natura sive substantia'. (Gott oder Natur oder Substanz.) Wer hingegen der Offenbarung folgt, in christlichen Begriffen, für den ist der Pantheismus auch ein Atheismus (und umgekehrt). Die DBK bekennt sich 2021 offenbar zur Kirche-ohne-Gott? Es fehlt allerdings noch das explizite Lavendel-Bekenntnis. Danach müsste die "Jugendpastoral" den Nebenzweck erfüllen, den homosexuellen Seelsorgenden den Zugang zur Jugend offenzuhalten. Natürlich ohne Missbrauch. "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! Brüder zum Lichte empor! Hell aus dem dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor!"

Die letzte Zeile des Textdichters Hermann Scherchen (1918) kann, gegen ihren Sinn, übrigens auch richtig verstanden werden. Denn aus dem dunkel Vergangenen, der Tradition, kann überhaupt nur hervorleuchten, was für die Zukunft tragfähig ist. Was mich betrifft, so hätte ich ahnen können, dass die katholische Kommunikation hierzulande zusammenbricht, spätestens wenn meine Generation die Kathedren, Katheder und sonstige Pfründen ergattert. Denn schon zu meinen Abiturzeiten blieb relativ unverstanden, wer an relativ simple, logische Zusammenhänge erinnerte. Dabei argumentierte ich keinesfalls "rechts", überhaupt nicht in geschlossenen Weltbildern, sondern anlassbezogen, vom Motiv der "Negation des Unwerts" angetrieben. Aber damals schon war ausgeschlossen, wer sagte: Der Papst hat Recht! Er hat nicht immer Recht, aber doch öfter als Bätzing, Marx + Co. denken, beispielsweise mit 'Humanae vitae'. Der Papst hatte auch Recht, zumindest im Wesentlichen, mit dem 'Syllabus' von 1864, hinsichtlich des Staat-Kirche-Verhältnisses. Oder auch 1907 mit 'Pascendi'. Kein älteres Lehrurteil der Kirche und ihres 'Ersten Bischofs' ist, je nach Aussageabsicht und Bedeutungsschwere, für die Zukunft jemals belanglos oder "überwunden". Lebendige Tradition ist keine Modenschau. Die Argumentation der Kirche bleibt: hier der wahre Glaube, da die "Neuerer". Das schließt "amtliche" Erneuerung aus eigener Veranlassung nicht aus, wohl aber jede Anpassung an antichristliche Muster. In diesem Sinne kann die Zukunft der Kirche nur aus ihrer Tradition hervorleuchten.

 

Wer die Kirche nur noch als "Kirche heute" versteht, in Abgrenzung zum dunkel Vergangenen, sprengt die "Kirche von morgen" schon heute in die Luft. Die spekulativen Entwürfe, wo die Kirche der Zukunft zu verorten sein wird, stehen allesamt unter dem Vorbehalt, dass auch die zukünftige Kirche die wahre Kirche Christi bleiben muss. Das ist aber nicht darstellbar, wenn man einen Glaubenssatz nicht mehr glauben soll, von dem es hieß, er sei wahr; um nur die jüngsten zu nennen: etwa Immaculata, Infallibilitas, Assumpta. Wer sich da herauswinden will, etwa mit dem deklaratorischen Verweis auf "Christus allein", auf den die Kirche gründe, der kann auch auf "Käpt'n Nemo" verweisen oder die Biene Maja. Denn wer Christus ist, das vermittelt uns die heilige Kirche in Seiner Gnade. Er will es so.

Bis 2013 hat die deutsche Universitätstheologie sich wieder und wieder das Vergnügen bereitet, "das Konzil" gegen Rom, speziell gegen die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ins Feld zu führen. Jetzt schreitet man darüber hinweg, lässt nur noch den Impuls zum "Aufbruch" gelten. Längst könnte man Bätzing, Sternberg + Co. täglich mit echten Konzilszitaten zur Weißglut reizen. Denn je länger das Ereignis zurückliegt, um so konservativer liest sich das Zweite Vatikanum. Aber auch Konzilsverteidiger wie Kardinal Kasper argumentieren fehleranfällig: Es hat nicht schlicht einen "Mittelweg" zwischen Modernismus und Antimodernismus empfohlen. Es hat der Kirche beides empfohlen. Sie muss antimodern und modern zugleich sein, fallweise. Die Kirche kann bei ihren fundamentalen Glaubenswahrheiten, etwa ihrer Sakramententheologie, ihrer Ständeordnung niemals "modern" sein, auch nicht beim Lebensschutz. Sie kann andererseits nicht antimodern sein bei der Menschenwürde, der Völkerversöhnung und im Kampf gegen Elend und Hunger in der Welt. Nachkonziliar fehlte es nicht an der Absicht zur Modernisierung, es fehlte aber am Mut zur Beständigkeit, zur Nachhaltigkeit. In diesem Sinne hat sich die Führungsclique der "deutschen Kirche", seit etwa 1968 und verschärft seit 2013, einen unverzeihlichen Linksrutsch gegönnt, der heute bereits die Verkündigung essenzieller Mysterien vereitelt: Gott-Christus-Kirche, für Glaube-Hoffnung-Liebe.

Gott lebt! Und ich stehe vor seinem Angesicht. Ein 'Synodaler Weg' der Kirche ist nur im Angesicht Gottes möglich. 'Kirche ohne Gott' wäre so unsinnig wie ein Bundestag ohne Politik. Aber "bei uns" versucht man das Unmögliche ja am liebsten, in welcher Koalition auch immer.


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