„Fürchtet Euch nicht!“ – Die Verehrung des Jesuskindes in der Zeit der Pandemie

3. Dezember 2021 in Spirituelles


„Das göttliche Kind, das in der Eucharistie gegenwärtig ist, erinnert uns gerade daran. Und so ist die Ehrfurcht vor dem ungeborenen Leben gleichsam die Vorbedingung für jeden, der sich dem göttlichen Kinde nähern will.“ Von Joachim Heimerl


Wien (kath.net) In einer zunehmend glaubenslosen Gesellschaft hat das Weihnachtsfest seine christliche Bedeutung weitgehend verloren. Gleichzeitig ist eine vielgestaltige „Märchenromantik“ zum seichten Ersatz des Religiösen geworden. So gilt beispielsweise die deutsch-tschechische Fernsehproduktion „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ (1973) als der Weihnachtsklassiker schlechthin, auch wenn er mit Weihnachten nicht das Geringste zu tun hat. Winterliche Landschaftskulissen, ein Schuss Herzschmerz und eine Prise Magie reichen für das „Weihnachtsfeeling“ eines breiten Publikums völlig aus.

In dieses säkulare Weihnachten, das kaum noch ein Krippenmotiv kennt, dafür aber den Weihnachtsmann und andere Kuriosa erfunden hat, will das göttliche Kind kaum noch hineinpassen. Das Christkind ist an seinem Geburtsfest so zur Nebensache geworden, vielleicht zum gänzlich Unbekannten. Seine Verehrung wirkt auf die Zeitgenossen allenfalls befremdlich, wogegen sie seit dem Hochmittelalter weit verbreitet und völlig selbstverständlich gewesen ist.

Als der Heilige Franziskus von Assisi 1223 in Greccio die erste Weihnachtskrippe aufstellte, wollte er das Geschehen der Heiligen Nacht und die Menschwerdung Gottes in einem Kind (an-)fassbar werden lassen. Diese Idee war so erfolgreich, dass sich die Verehrung des göttlichen Kindes rasant in ganz Europa ausbreitete, insbesondere dank der Förderung durch die Franziskaner. Dass dann vor allem die Frauenklöster die Jesuskindverehrung pflegten, lag gewiss ein wenig in der Natur der Sache.

Beim Eintritt ins Kloster gaben adlige Eltern ihren Töchtern häufig prächtige Jesuskindfiguren mit, die als „Trösterlein“ bezeichnet wurden. Um diese Figuren entwickelten sich im Lauf der Zeit anrührende Weihnachtsbräuche. Dazu gehörte das Wiegen des Christkinds in der Chorkapelle ebenso wie die Tradition, dass die Oberin das Jesuskind in der Christnacht von Zelle zu Zelle trug, wo es von den Schwestern mit einem Kuss verehrt wurde.

Wenn uns das heute als Überspanntheit oder als Sublimierung eines natürlichen Kinderwunsches vorkommen mag, so greift dies freilich zu kurz. Denn was heute kaum noch präsent ist, war in den Klöstern selbstverständlich: Das Geheimnis der Menschwerdung wurde im Kontext des gesamten Erlösungsgeschehens betrachtet. Krippe und Kreuz blieben eng aufeinander bezogen, und das Jesuskind wies bereits auf den auferstandenen Herrn hin. Dementsprechend wurde es vornehmlich als der „kleine König“ verehrt, mit Krone, Zepter und königlichem Mantel.

In ihrer berühmten Novelle „Die Letzte am Schafott“ hat Gertrud von Le Fort dieser Verehrung des „kleinen Königs“ ein literarisches Denkmal gesetzt: Inmitten des Terrors der Französischen Revolution wird eine kleine Wachsfigur des Jesuskindes zum Halt und zur inneren Mitte der Karmelitinnen von Compiègne. Für die Errettung Frankreichs und des Dauphins opfern sie schließlich dem „petit roi“ ihr Leben unter der Guillotine auf. Und tatsächlich bricht die Schreckensherrschaft der Jakobiner nach ihrem Martyrium alsbald zusammen.

Von der Gründerin des Karmels, der heiligen Theresia von Avila, wissen wir, dass sie auf ihren Reisen, die sie durch ganz Spanien führten, immer eine Figur des Jesuskindes bei sich trug. Vermutlich geht auch das berühmteste Darstellung des Jesuskindes auf Theresia zurück: das „gnadenreiche Prager Jesulein“.

Das weltweit verehrte Gnadenbild, das sich in der Prager Karmelitenkirche befindet, gehört ebenfalls zum Typus des „kleinen Königs“. Dementsprechend zählen Krone und Reichsapfel zu seinen charakteristischen Attributen. Darüber hinaus verfügt es über eine reiche, königliche Garderobe.

Doch erst wenn das Jesulein seiner kostbaren Gewänder entkleidet ist, zeigt es sich in seiner ergreifenden, ursprünglichen Einfachheit: Die anmutige Figur eines dunkelblonden Knaben ist nur aus Wachs um einen Holzkern geformt und wirkt dadurch so zart und fragil, wie es alle Kinder tun.

In den Wirren des dreißigjährigen Krieges erlebte das Jesulein eine regelrechte Passion: Protestantische Soldaten rissen es vom Altar herab, hieben ihm die wächsernen Hände ab und warfen es zerbrochen in den Schmutz. Was Jesaja mit Blick auf den Messias vom leidenden Gottesknecht sagt, spiegelt so das zerschundene Bildnis des Jesuskinds wieder: „Verachtet war er, ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut“ (Jes. 53,4).

Doch so klein und hilflos das Kind von Bethlehem scheint, so allmächtig ist es eben auch. Bald nach dem Ende des Krieges fand das wiederhergestellte Jesulein auf seinen angestammten Altar zurück und wurde dort zur Zuflucht aller Bedrängten. Bis heute legen unzählige Votivtafeln davon Zeugnis ab, wie viele Menschen vor ihm Trost und Hilfe erfahren haben.

Gegenwärtig sind auch wir einer großen Bedrängnis ausgesetzt. Durch das Coronavirus erfahren wir unsere eigene Zerbrechlichkeit und die Hinfälligkeit unseres Lebens, ganz besonders jetzt in dieser Advents- und Weihnachtszeit. - Zu wem sonst sollten wir in dieser Not unsere Zuflucht nehmen, wenn nicht zu dem, der selbst alle Not erfahren hat, angefangen von der Armut des Stalles von Bethlehem über die Flucht nach Ägypten bis hin zur Todesangst von Gethsemane und zum Tod am Kreuz?

Für die Leidenden, die Verunsicherten und für alle, die um die Ängste des Lebens wie des Sterbens wissen, geht so gerade vom Prager Jesulein ein besonderer Trost aus.

Wer es anblickt, dem wird auffallen, dass es seine rechte Hand zum Segen erhoben hat, während es in der linken den Reichsapfel trägt.

Als Herrschaftsinsignie symbolisiert der Reichsapfel traditionell den Machtanspruch des Monarchen. Doch der „kleine König“ ist viel mehr als ein irdischer Monarch; er ist der König der Könige, dem „alle Macht gegeben ist im Himmel und auf der Erde“ (Mt. 23,18). Als solcher regiert er nicht nur das Universum, sondern er hält auch das Schicksal jedes Einzelnen fest in seiner Hand: „Verkauft man nicht fünf Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch vergisst Gott nicht einen von ihnen. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen“ (LK 12,6f.)

Letztlich hat uns nicht das Coronavirus in der Hand, nicht die Angst und noch nicht einmal der Tod, sondern nur Jesus Christus, unser König. - „Fürchtet Euch nicht!“ Diese Botschaft des Evangeliums ist so auch die Botschaft des Prager Jesuleins, vor dem wir mit der Gewissheit des Psalmisten beten dürfen: „Deine rechte Hand hält mich fest“ (Ps. 63,9).  

Im österreichischen und bayerischen Raum genießt neben dem Prager Jesulein besonders das Salzburger Loretokindl eine große Verehrung.
Auch bei diesem Gnadenbild handelt es sich um die reich bekleidete und bekrönte Darstellung des kleinen Königs, wobei „klein“ durchaus wörtlich zu nehmen ist: Das Jesulein ist kaum zehn Zentimeter hoch. Statt aus Wachs geformt ist es aus Elfenbein geschnitzt, dadurch aber nicht weniger zart und zerbrechlich wie das Prager Kind.

Wie dieses hält auch das Loretokindl ein Hoheitszeichen in der Hand, nämlich ein Königszepter. Damit weist es noch unmittelbarer als das Prager Jesulein auf das Passionsgeschehen hin: Dem Königszepter in der rechten Hand entspricht in der linken ein kostbares Kreuz, um anzudeuten, dass Jesus ein König ist, der vom Kreuz herab herrscht. Wieder ist das Kind von Bethlehem der leidende Gottesknecht und zugleich der königliche Erlöser der Welt. Und wieder ist es wie in Prag zum Anziehungspunkt all derer geworden, die sich aus dem eigenen Leid, aus den eigenen Kreuzen an es wenden, und die es - wie die Blutflüssige im Evangelium (Mk 5,24ff.) - gleichsam berühren wollen, um seiner Gnade teilhaftig zu werden.

Im Salzburger Loretokloster wird deshalb bis heute ein besonders schöner Brauch gepflegt: Wer immer darum bittet, kann an der Pforte den „Christkindlsegen“ empfangen, bei dem ihm eine der Schwestern das Gnadenbild aufs Haupt setzt. Diese im Wortsinne „berührende“ Erfahrung der Nähe Jesu weist auch auf seine sakramentale Gegenwart hin: Zur Besonderheit der Verehrung des Loretokindls gehört es nämlich, dass auf seinem Altar in der Klosterkirche die Anbetung des Allerheiligsten gepflegt wird. Das Geheimnis der Menschwerdung verbindet sich so mit der Anbetung der Eucharistie und schenkt dem Beter dadurch die noch größere Erfahrung der unmittelbaren und tröstenden Gegenwart des göttlichen Herrn. Wer das unscheinbare Heiligtum an der Paris Lodron-Straße einmal betritt, wird sich - gerade in der Weihnachtszeit -  dieser Erfahrung kaum entziehen können.

Natürlich kann man das göttliche Kind in der heutigen Zeit nicht verehren, ohne dabei auch um Vergebung zu bitten für den millionenfachen Mord an den Ungeborenen und für diejenigen, die hier große Schuld auf sich laden, seien es die Mütter und die Väter, die Ärzte und schließlich die Abtreibungsbefürworter aller Art.

Erst jüngst haben die US-Bischöfe in ihrem Schreiben über die Eucharistie daran erinnert, dass nach der Lehre der Kirche niemand die heilige Kommunion empfangen darf, der sich im Zustand der schweren Sünde befindet. Im Klartext heißt das, dass natürlich auch niemand kommunizieren darf, der Abtreibungen vornimmt oder Abtreibungen in irgendeiner Weise unterstützt, ohne dass er vorher in der Beichte den Weg aufrichtiger Umkehr eingeschlagen hätte.

Das göttliche Kind, das in der Eucharistie gegenwärtig ist, erinnert uns gerade daran. Und so ist die Ehrfurcht vor dem ungeborenen Leben gleichsam die Vorbedingung für jeden, der sich dem göttlichen Kinde nähern will.      

Die Verehrung des Jesuskindes mag den heutigen Menschen fremd geworden sein.  Dennoch verbinden sie die gleichen Nöte mit all jenen, die über die Jahrhunderte hinweg ihre Zuflucht zum Jesuskind nahmen. In einer Advents- und Weihnachtszeit, die von der Corona-Pandemie überschattet ist, wird dies umso mehr spürbar. Und noch heute wird jeder Beter Trost und Hilfe erfahren, der wie Millionen vor ihm mit den einfachen Worten niederkniet: „Göttliches Kind, ich bete Dich an.“

Der Autor Dr. Joachim Heimerl ist Priester der Erzdiözese Wien und Oberstudienrat.


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