Priestermangel – aber wie willkommen sind Priester aus katholischer Weltkirche im Bistum Münster?

15. September 2022 in Kommentar


Zurückgehende Nachfrage nach Sakramenten und rückläufige Kirchensteuer, deshalb wird die Bistumsleitung die Stellen für Priester aus der Weltkirche „deutlich reduzieren“ - Was ist davon zu halten? kath.net-Kommentar von Petra Lorleberg


Münster-Linz (kath.net/pl) „Aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Bistum Münster mit der zurückgehenden Nachfrage nach Sakramenten und den rückläufigen Kirchensteuereinnahmen hat die Bistumsleitung entschieden, die Anzahl der Stellen für Priester der Weltkirche im Lauf der nächsten Jahre deutlich zu reduzieren. Deswegen können nur wenige Verträge verlängert werden.“ Diesen erstaunlichen Satz liest man im Beitrag von Redakteur Johannes Bernard „Diözese reduziert Zahl der Weltkirche-Priester deutlich – Ein Weltpriester der ersten Stunde nimmt Abschied aus Bistum Münster“ von „Kirche und Leben“, dem Online-Magazin des Bistums Münster, das zur gleichnamigen Wochenzeitung gehört. Der Satz ist ein Zitat des südindischen Ordenspaters Joseph Mannaparambil CMI, der sein Wirken in Deutschland nun nach 22 Jahren beendet. Der gut integrierte 59-Jährige hat noch nicht das übliche Pensionsalter für Priester erreicht, im Artikel ist nicht von einer Krankheit die Rede und er wurde offenbar nicht vom Orden zurückgerufen, um ordensintern Aufgaben zu übernehmen, für die er unabdingbar wäre – auch wenn er ab dem 1. Oktober nun natürlich in seinem Orden Aufgaben übernehmen wird. Pater Joseph scheint mit der Entwicklung für sich selbst zufrieden zu sein und übt gemäß Beitrag keine Kritik an der Grundsatzentscheidung des Bistums Münster. Pater Joseph hatte bisher seinen priesterlichen Dienst in der Seelsorgeeinheit „Papst Johannes“ in Hamm eingebracht. Der leitende Pfarrer dieser Seelsorgeeinheit, Christoph Gerdemann, erläutert gegenüber der Bistumspresse, dass das Seelsorgeteam durch die Verabschiedung des indischen Priesters kleiner werde, aber das Bistum sehe „derzeit keine Möglichkeit, diese Stelle wieder neu zu besetzen“.

„Kirche und Leben“ berichtet in diesem Beitrag weiter, Zitat: „Die Bistumsleitung hatte bereits vor einem Jahr bei der Vorstellung ihrer Konzeption zur Bildung neuer Pastoraler Räume allen Pfarreien Eckdaten benannt, wie der Rückgang kirchlichen Lebens im Bistum Münster beziffert wird und dabei auch die ausländischen Priester in den Blick genommen. Danach soll die Zahl der Priester der Weltkirche von derzeit 165 auf 120 in 2030 und dann auf 60 in 2040 reduziert werden.“ Auf Nachfrage bestätigte diese Reduzierung auch Renate Brunnett, die Zuständige des Bischöflichen Generalvikariats Münster für den Einsatz der Priester der Weltkirche. Das Bistumsblatt zitiert Brunnett: „Die Priester der Weltkirche werden weniger. Es ist ein schleichender Prozess. Die vorgelegten Zahlen und der Zeitraum sind eine Orientierungshilfe.“ Es würde aber niemandem gekündigt, sondern zeitlich befristete Anstellungen würden nicht mehr verlängert, alles „in guten Gesprächen“ (Zitat) mit den betroffenen Priestern, deren Ordensleitungen bzw. Bischöfen.

Wie sehr die Integration neuer Priester aus der Weltkirche abgeblockt wird, kann man den sogenannten „Willkommenskursen“ des Bistums entnehmen. Der letzte Willkommenskurs des Bistums war „vor gut zwei Jahren“, so der Beitrag, der nächste stehe für das Jahr 2025 (!) an. Diese Willkommenskurse dienen dazu, erläutert das Bistumsblatt, Priester im Bistum zu „begrüßen“.

Was ist davon zu halten? Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Priester aus der Weltkirche sind ebenso wie einheimische Priester Menschen aus Fleisch und Blut, sie bringen Stärken und Schwächen mit, es gibt sympathische und unsympathische, mutige und opportunistische, welche mit tiefem Glauben und welche, die gerade in einer Glaubenskrise stecken, es gibt geschickte und ungeschickte, Heilige und schwere Sünder sowie ganz durchschnittliche Priester, kurz: es gibt auch unter diesen Hirten weiße und schwarze „Schafe“. Das ist menschlich.

Die massive Reduzierung der Stellen für Priester aus der Weltkirche im Bistum Münster aber hat auf jeden Fall keinen Grund im Priestermangel. Im Gegenteil: Es gibt auf Weltkirchenebene keinen Priestermangel! Obendrein sind Orden und Bistümer aus der Weltkirche häufig sehr dankbar, wenn sie Priester aus ihren Reihen in einem der reichen Länder in Arbeit bringen können, diese Priester unterstützen mit ihrem Verdienst nämlich ihre heimischen Orden und Bistümer, das ist eine willkommene Finanzspritze für diese katholischen Einrichtungen, anderswo würde man dies „Entwicklungshilfe“ nennen.

Das Problem liegt anderswo: Mit Priestern aus der Weltkirche holt man sich häufig eine konservativere Theologie und eine gläubigere, stärker „römischer“ orientierte Weltsicht ins Bistum. Das ist nicht bei allen beliebt. Da spart man lieber ein paar „Weltkirchenstellen“ weg und investiert sein gutes Kirchensteuergeld bsp. in die Arbeit von Syndodaler Weg, ZdK, BDKJ & Co, damit diese mit Hochglanzbroschüren, Leiterkursen, Sitzungen und teuren Vollversammlungen auf allen Ebenen bis hin in die letzte Teilortspfarrei ihre Syndodaler-Weg-bewegten, einseitigen Ansichten unter das schrumpfende Kirchenvolk bringen können.

Diese Willkommenskurse übrigens waren ein Versuch, die ausländischen Priester an die Vor-Ort-Gegebenheiten zu integrieren. Dass sie nun derart selten werden, könnte durchaus mit einer spürbaren „Beratungsresistenz“ der ausländischen Priester gegen die deutsch-katholischen Zumutungen zusammenhängen. Diese Priester kommen ja auch mit ihrer je eigenen Berufungs- und Glaubensgeschichte zu uns. Vor allem: Warum sollten Priester, die aus Wachstumsregionen der katholischen Kirche stammen und die boomende Berufungszahlen kennen, eigentlich von der schwerkranken, absterbenden Kirche in Deutschland lernen - was haben wir denn Konstruktives zu lehren?

Immerhin, eigentlichen Rassismus trifft man innerkirchlich gegenüber diesen ausländischen Priestern eher selten. Man fremdelt aber mit ihren weltkirchlichen Einstellungen und mit ihrem Blick, der über den Brunnenrand der deutschen Katholiken deutlich hinausreicht und den Glauben der gesamten römisch-katholischen Weltkirche in den Blick nimmt. Was sagt uns das über die Fähigkeit der deutschen Durchschnittskatholiken, auf Augenhöhe mit den Katholiken der restlichen Weltkirche zu interagieren?

Außerdem möchte „man“ ja eine Förderung der Laien, bis hin zur Öffnung der Weiheämter über die bisherige katholische Lehre hinaus. Doch wo ein Priester aus der Weltkirche die Messe feiert und die Sakramente spendet, kann man nicht in weinerlichem Ton auf das Fehlen der priesterlichen Dienste hinweisen. Deshalb müssen diese ausländischen Priester möglichst schnell verschwinden.

Was ist vom Argument zu halten, dass die zurückgehende Nachfrage nach Sakramenten und die rückläufige Kirchensteuer für die Einstellung von Priester-Vertragsverlängerungen verantwortlich seien? Im Ernst? Wenn wir uns die Finanzierung des priesterlichen Dienstes nicht mehr leisten können... dann sollten wir vor allem die Renovierung der vielen halbleeren Pfarrkirchen und Pfarrgemeindezentren sowie die vielen für den Glauben völlig unfruchtbaren Verwaltungsstellen auf Pfarrei-, Dekanats- und Ordinariatsebenen auf Eis legen.

Liest man also den Beitrag von „Kirche und Leben“ gegen den Strich, offenbart er vieles. Nicht zuletzt auch: Die Kirche in Deutschland hat diese Priester „benutzt“, nun braucht man sie nicht mehr und schickt sie vorzeitig heim, auch dann, wenn sie noch kraftvoll gute Arbeit leisten könnten. Ist das eigentlich die gerechte Achtung vor dem je persönlichen Lebensweg dieser Priester, die mühsam eine ihnen völlig fremde Sprache erlernt, die jahre- und jahrzehntelange Entfernung von ihrer Ordensfamilie, ihrer persönlichen Familie, ihrer eigenen kirchlichen und menschlichen Kultur erduldet haben? Und die sich (last but not least) mit viel Liebe um ihre Missionsaufgabe bei den deutschen „spärlich-gläubigen“ Katholiken bemüht haben?

Was würde wohl Papst Franziskus dazu sagen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er es gutheißen würde, wenn ausländische Priester abgelehnt werden, obwohl sie gerne Dienst in Deutschland machen würden. Als Kirche sind wir von vornherein eine internationale Organisation, ein ausländischer Priester ist als katholischer Priester immer „Inländer“ in der katholischen Kirche, weltweit! Und wenn ausländische Priester helfen, die Anliegen von Papst Franziskus, die er uns Katholiken in Deutschland 2019 in seinem offenen Brief an uns [siehe Link unten] ins Stammbuch geschrieben hat, in die Wirklichkeit umzusetzen, wird der Papst mit Sicherheit als Erster zustimmen. Beispielsweise bei seinem Basisanliegen: die Neuevangelisierung. Dieses Basisanliegen wird im „Kirche und Leben“-Bericht sinnigerweise nicht mit EINER Silbe erwähnt.

Auslandspriester waren Missioneinsatz an deutschen Katholiken? Ja, darum hat es sich am Ende gehandelt, sagen wir das ruhig laut. Wie traurig, wenn man dies unter fadenscheinigen Argumenten einem künstlichen Ende zuführt!

Großer Lesetipp, siehe Link: Der Brief (2019) von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland in voller Länge


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